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Sport + Mobilität mit Rollstuhl 12/2019

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Informationsschrift des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes e. V.

Foto: BG Unfallklinik

Foto: BG Unfallklinik Murnau »Es ist extrem wichtig, dass sich Rollstuhlnutzer untereinander vernetzen um gegenseitig voneinander zu profitieren. Dies gelingt kaum besser als in einem Sportverein.« AXEL GOLETZ Mit dem Ziel, die Lücke zwischen den Kliniken und den Sportvereinen zu schließen, wurde das Konzept der DRS‐Klinikbeauftragten und das ›Erfassungsystem der Klinikabgänger‹ vor 20 Jahren ins Leben gerufen. Für uns Anlass, DRS‐Klinikbeautragte aus den unterschiedlichen Kliniken in Interviewform vorzustellen Wie lange arbeiten Sie in Ihrem Bereich und seit wann sind Sie DRS- Klinikbeauftragter? Axel Goletz: Seit 2009 bin ich im Querschnittgelähmtenzentrum – Klinik für Paraplegiologie und Neurourologie der Zentralklinik Bad Berka als Sporttherapeut tätig. Zum Klinikbeauftragten wurde ich 2011. Was hat Sie motiviert als Klinikbeauftragter zu fungieren und welche Aufgaben sind damit verbunden? Axel Goletz: Als Klinik einen Zugang zu Sportvereinen zu schaffen, war bereits zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit eine wichtige Fragestellung. Während der jährlichen Treffen der DMGP (Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie) lernte ich Peter Richarz vom Deutschen Rollstuhlsport Verband (DRS) kennen, der mich über das Projekt ›richtig mobil‹ aufklärte. Bei meinem ersten Klinikbeauftragtentreffen erhielt ich einen bundesweiten Einblick in den DRS und lernte so viele interessante Menschen kennen, die sich mit Mobilität und Sport außerhalb eines Querschnittzentrums mit großem Engagement beschäftigen. Auch der Kontakt zu Klinikbeauftragten aus anderen Zentren und deren Erfahrungen INTERVIEW DRS-KLINIKBEAUFTRAGTEI Schnittstelle zwischen DRS und den Patienten Axel Goletz, Zentralklinik Bad Berka motivierten mich, auch bei uns ein funktionierendes Netzwerk zwischen den Verbänden, Vereinen und der Klinik aufbauen zu wollen. Innerhalb des klinischen Sportprogramms werden den Frischverletzten u. a. Aspekte des Rollstuhlsports vorgestellt. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht Rollstuhlsport für die Patienten in der Reha-Phase? Axel Goletz: Sport und Mobilität sind aus meiner Sicht unmittelbar miteinander verbunden. Durch den Rollstuhlsport, und seien es auch nur kleine und leichte Spiele, wird spielerisch der Umgang mit dem Rollstuhl geschult und somit auch die Mobilität verbessert. Sport muss auch in der Akutphase einen wesentlichen Stellenwert einnehmen. Je früher man damit beginnt (immer unter Berücksichtigung des Genesungsverlaufes), desto früher stellen sich Erfolge ein. Die Mobilität erhöht sich, das Erkennen noch vorhandener Potentiale motiviert auch, um mit den bestehenden Defiziten besser umgehen zu können. Nicht zuletzt entstehen beim Sport soziale Kontakte untereinander, vor allem auch mit Patienten, die schon länger im Rollstuhl sitzen und unglaublich wertvolle Tipps für die Frischverletzten haben. Der Sport hat bei uns nie Leistungscharakter. Hier stehen die Freude und der Spaß an der Bewegung im Vordergrund. Welche Sportarten bieten Sie in Ihrer Klinik schwerpunktmäßig an und welche werden besonders nachgefragt? Axel Goletz: Das Sportartenangebot ist sehr individuell und wird der Läsionshöhe, dem Patientenalter und dem Genesungszustand der Patienten angepasst. Sehr beliebt bei nahezu allen Patienten ist das Japanische Luftballonvolleyball. Der hohe integrative Charakter dieses Spiels, angefangen vom sehr alten oder hochgelähmten Elektrorollstuhlfahrer bis zum fitten Paraplegiker oder sogar Fußgänger haben hier alle gemeinsam sehr viel Spaß und können ihre individuellen Potentiale ausschöpfen. Aber auch Sportarten wie Tischtennis, Badminton, Boccia oder Bogenschießen finden eine hohe Nachfrage. Sportarten wie Rollstuhlbasketball werden eher selten gespielt und wenn, dann zunächst nur die Vermittlung der Grundlagentechniken bis hin zu einfachen Korbwürfen. Dies liegt zum einem am Patientenklientel und zum anderen an der Pa‐ 16 Sport + Mobilität mit Rollstuhl 12/2019

tientenanzahl. Hier bevorzugen wir eher abgewandelte Spielformen, wie Mattenbasketball, die einfacher zu erlernen sind und schneller zu positiven Bewegungserlebnissen führen. Wie haben sich aus Ihrer Sicht die Aufenthaltsdauer und die Qualität der sporttherapeutischen Erstbehandlung in den letzten Jahren entwickelt? Was kann, was sollte eine Klinik leisten? Axel Goletz: Allgemein ist bekannt, dass sich die Aufenthaltsdauer in der Erstbehandlung im Vergleich zu den letzten Jahren immer weiter reduziert. Konnten die Patienten vor ca. 15 Jahren noch 6 – 12 Monate von der Akuttherapie profitieren, so sind es heutzutage 3 – 4 Monate. Wir als Akutkrankenhaus spüren in der Therapie auch diesen Druck, zumal die Sporttherapie auch nicht mit dem ersten Klinikstag beginnen kann. Nichts desto trotz versuchen wir auch mit dieser knappen Zeit die größtmögliche Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit sowie den höchstmöglichen Mobilitätsgrad zu erreichen. Wir als Klinik geben erste Impulse für ein wieder geordnetes und strukturiertes Alltagsleben. Unter anderem mit unserem Sozialen Kompetenztraining zum Ende des Erstaufenthaltes vermitteln wir unseren Patienten einen Eindruck, wie sich Mobilität und Teilhabe im Alltag gestalten lässt. Gibt es auch nach Ende des Erstaufenthaltes noch Therapieziele und Rehabilitationspotential, so können wir unsere Patienten noch in eine Rehabilitationsklinik verlegen, damit dort auf dem bereits Erreichten weiter aufgebaut werden kann. Eine hohe Motivation, auch nach der Entlassung regelmäßig Sport zu treiben, ist wichtig. Wie gelingt es, diese Motivation zu fördern? Axel Goletz: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die meisten unserer Patienten, die auch nach Hause entlassen werden, haben nicht ihren Focus auf dem Sport. Hier stehen erst einmal Dinge wie das Erarbeiten einer Alltagsstruktur, das Führen des Haushaltes oder Einkaufen mit dem Rollstuhl sowie das Kennenlernen des z. B. durch einen Umzug bedingten neuen Umfeldes, im Vordergrund. Auch das Autofahren zur Erweiterung der Mobilität und gegebenenfalls eine berufliche Neuorientierung haben Priorität. Unser breit gefächertes Sportangebot sowie der Spaß und die Freude, die beim Sporttreiben entstehen, motivieren aber auch einige Patienten bereits kurz nach der Entlassung ihr Leben aktiver zu gestalten. Wir sind immer als Ansprechpartner da und auch unsere Zusammenarbeit mit dem TBRSV (Thüringer Behindertenund Rehabilitationssportverband), sowie das ›richtig mobil‹‐Projekt des DRS sind Unterstützungsangebote, um unsere Patienten zu einem mobilen Alltag zu bewegen. Auch zu den regelmäßigen ›Check up‹ Kontrollen motivieren wir unsere Patienten immer wieder, sich sportlich zu betätigen und unterstützen sie bei der Suche nach Vereinen. Seit gut zehn Jahren gibt es das Projekt ›richtig mobil‹, bei dem jeder Entlasspatient einen Rucksack mit vielfältigen Angeboten bekommt (DRS-Infocheck). Welche Potenziale sehen Sie in diesem Projekt? Axel Goletz: Ich halte dieses Projekt für sehr wichtig und es sollte auch in Zukunft so fortgeführt werden. Viele unserer entlassenen Patienten nutzen den Rucksack auch über viele Jahre, bis er irgendwann auch einmal verschlissen ist. Der Rucksack erinnert die Patienten auch immer daran, dass es nach der Entlassung weitergeht und das man jederzeit auch mit dem DRS in Kontakt treten kann. KLINIK + SPORT Es ist extrem wichtig, dass sich Rollstuhlnutzer untereinander vernetzen um gegenseitig voneinander zu profitieren. Dies gelingt kaum besser als in einem Sportverein. Mit diesem Projekt werden Mobilität, Teilhabe sowie soziale Kontakte und Kompetenzen gefördert und das führt nicht zuletzt zu einem gesünderen Leben und einer höheren Lebensqualität. Die Klinikbeauftragten sind gut vernetzt und tauschen sich in regelmäßigen Treffen aus. Welche Projekte/Ziele konnten bereits umgesetzt werden, wo besteht noch Handlungsbedarf? Axel Goletz: Ich konnte ein Netzwerk mit dem Thüringer Behinderten‐ und Rehabilitationssportverband aufbauen. Seit dem bietet der TBRSV regelmäßig in unserer Klinik Workshops für verschiedene Sportarten an, die unsere Patienten dann auch gleich ausprobieren können. So werden erste Kontakte zur Nachversorgung, durchaus mit Erfolg, hergestellt. Darüber hinaus haben wir mit der Kooperation des DRS einen WCMX‐Workshop durchgeführt. Auch Mobilitätstrainingskurse für ehemalige Patienten bzw. Rollstuhlnutzer mit und ohne Querschnittlähmung haben wir bei uns angeboten. Handlungsbedarf sehe ich in der Infrastruktur und der Angebotsbreite in Thüringen. Viele unserer Patienten leben in ländlichen Gebieten. Wir haben großartige Sportangebote sowohl im Freizeit‐ und Breitensport, als auch im Leistungssport. Mannschaften, wie beispielsweise im Rollstuhlbasketball, beim Bogensport, Rollstuhlrugby, Boccia oder im Wintersport sind überregional bekannt. Um diese Trainingsstätten erreichen zu können, erfordert es aber immer einen erhöhten Zeitund Finanzaufwand. Gerade nach der Erstentlassung sind unsere Patienten noch nicht so mobil, dass sie z. B. mit dem eigenen Fahrzeug, die Trainingsstätten erreichen können. Sie sind also immer auf Sport + Mobilität mit Rollstuhl 12/2019 17

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